Mit der Automobil-Trans­for­mation eine völlig neue Firma gestalten

Das Problem ist offen­sichtlich: Die Produktion eines Autos mit herkömm­lichem Benzin- oder Diesel-Motor benötigt rund 2000 unter­schied­liche Kompo­nenten. Aber für ein E‑Fahrzeug werden nur noch knapp 200 Teile benötigt. Zulie­ferer, die ausschließlich für den Verbrenner produ­zieren, verlieren damit im Zuge des revolu­tio­nären Wandels hin zu alter­na­tiven Antrieben eher früher als später ihre Geschäfts­grundlage. Was also tun?

Nicht jedes Unter­nehmen kann so flexibel und mutig agieren wie EBM-Papst. Der baden-württem­ber­gische Weltmarkt­führer hat 2022 seine Strategie überra­schend und radikal geändert. EBM zieht sich völlig aus dem Automotive-Geschäft zurück, das in der Vergan­genheit immerhin rund 10 Prozent des Umsatzes generiert hatte.

Seine Venti­la­toren liefert das mittel­stän­dische Famili­en­un­ter­nehmen nun insbe­sondere an Wärme­pum­pen­her­steller und Cloud-Anbieter. Bislang mit Erfolg: „Die Nachfrage hat sich binnen kurzer Zeit verdrei­facht“, zitiert das „Handels­blatt“ CEO Klaus Geißdörfer. Der promo­vierte Ingenieur verweist in seiner Vita unter anderem auf leitende Funktionen bei den Automo­bil­zu­lie­ferern Schaeffler und ZF Fried­richs­hafen, kennt die Branche also aus dem Effeff und kehrt ihr den Rücken.

Projekt­leiter Martin Schmidt (links) und Projekt­as­sistent Marc Wasinger stellen Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer bei der IHK in Villingen-Schwen­ningen das Modell des AuToS-Netzwerk vor, wie es in ähnlicher Form auch als Trans­for­ma­ti­ons­netzwerk (TraFoNetz) Nordschwarzwald unter Leitung der Wirtschafts­för­derung Nordschwarzwald aktiv ist. ©Foto:GerdLache

Wie aber können vor allem kleine und mittlere Unter­nehmen (KMU) die Trans­for­mation erfolg­reich bewäl­tigen? Zum Auffinden von Lösungs­an­sätzen finan­ziert das Bundes­wirt­schafts­mi­nis­terium regionale Trans­for­ma­ti­ons­netz­werke mit gelegentlich fanta­sie­vollen Kurzbe­zeich­nungen, aber mit möglichst vielen Ideen und Impulsen in den „Werkzeug­koffern“ für die Arbeit an der Transformation.

Sie sollen die Zulie­ferer kostenfrei dabei unter­stützen, neue Strategien zu entwi­ckeln, ertrag­reiche Geschäfts­felder zu erkunden, Fördergeld-Quellen zum Sprudeln zu bringen, sich zu vernetzen  und vor allem auch die Automotive-Beschäf­tigten auf dem Weg des Wandels quali­tativ mitzu­nehmen. Denn ebenso überflüssig wie manche Kompo­nenten, werden auch die Jobs zu deren Herstellung.

Ihre Standorte haben die Netzwerke an den Hotspots der Automobil-Zulie­ferer. Eines davon ist Automotive Trans­for­mation für den Südwesten, kurz AuToS, in Villingen-Schwen­ningen, angesiedelt bei der dortigen IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Ein anderes, das Trans­for­ma­ti­ons­netzwerk Nordschwarzwald, kurz TraFoNetz, hat seinen Sitz in Pforzheim. Es wird von der Wirtschafts­för­derung Nordschwarzwald als Konsor­ti­al­füh­rerin aktiv betreut und soll die Branche in der gesamten Region bei der Trans­for­mation konstruktiv begleiten.

Der erste Schritt zum Erfolg für Automo­bil­zu­lie­ferer, die von der Trans­for­mation betroffen sind, ist für Steinbeis-Berater Ulrich Schwel­linger das „Tun“, das umgehende aktiv werden. ©Foto:GerdLache

Den jüngsten Gedanken-Austausch zwischen Vertretern von AuToS Netzwerk und TraFoNetz legten die beiden Partner auf einen Vortrags­termin in Villingen-Schwen­ningen im Haus der Wirtschaft. Das Thema: „Beschleu­nigung des indus­tri­ellen Wandels in der Branche der Automo­bil­zu­lie­ferer.“ Für die beiden Referenten des Steinbeis-Beratungs­zen­trums ist klar: „Die Markt­ver­teilung wird sich drastisch ändern.“ Aller­dings nicht zum Vorteil der deutschen Zulie­ferer, wie Joachim Effingeranhand einer Grafik zeigt.

Sein Beispiel: Der relative Anteil an Kompo­nenten, die von Zulie­ferern zum Bau eines Autos beigesteuert werden, beträgt bei einem VW Golf 8 mit Verbrenner  60% Deutschland und nur 13% Asien. Diese Werte verändern sich beim Elektro-VW ID.3 auf nur noch 27% Deutschland-Anteil, aber stark gestie­genen 33% für Asien.

Und so macht Steinbeis-Berater Ulrich Schwel­linger denn auch deutlich: „Der Konkurrent sitzt nicht nebenan.“ Beleg dafür: Inzwi­schen hat der chine­sische Autobauer BYD (Build Your Dreams) den tradi­ti­ons­reichen VW-Konzern als Markt­führer im wichtigen Absatzland China vom Thron gestoßen.

Bemer­kenswert ist die vergleichs­weise kurze Erfah­rungszeit von BYD im Automo­bilbau: 1995 von dem Chemiker Wang Chuanfu als 20-Personen-Firma gegründet, war BYD fünf Jahre später Innova­ti­ons­führer in China für wieder­auf­ladbare Batterien. Und erst 2003 diver­si­fi­zierte Wang Chuanfu das Unter­nehmen und begann mit der Entwicklung von Elektro­autos, die heute mit großer Ferti­gungs­tiefe produ­ziert werden, womit der Konzern Liefer­eng­pässe minimiert. Von der Verbrenner-Produktion hat BYD sich schnell wieder verabschiedet. 

Inzwi­schen arbeiten 290.000 Menschen in weltweit mehr als 30 Indus­trie­parks und an über 40 Nieder­las­sungen für „Build Your Dreams“ – und an der Marke des heutigen Milli­ardärs und Sohn eines einfachen Milch­bauern vom Land kommt inter­na­tional keiner mehr vorbei – wenngleich seine Bekanntheit bei weitem nicht an jene des Tesla-Chefs Elon Musk heranreicht.

Stellte bei der Vortrags­ver­an­staltung zur Automotive-Trans­for­mation das Shopfloor Management in seinem Unter­nehmen Werma Signal­technik vor: Erich Martin (links), daneben die Steinbeis-Berater Joachim Effinger und Ulrich Schwel­linger sowie AuToS-Projekt­leiter Martin Schmidt. ©Foto:GerdLache

Erst dieser Tage ging die Meldung durch die Medien, wonach  Wang Chuanfu mit BYD-Klein­wagen auf den deutschen Markt vorfahren und zehn Prozent Anteil erzielen will – also eben jenes Segment, das die deutschen Automo­bil­her­steller weitgehend aufge­geben haben.

Soviel zur groben Situa­ti­ons­be­schreibung. Wie aber sollen die regio­nalen Zulie­ferer reagieren? Laut Effinger und Schwel­linger gilt es, mit dem schwin­denden Bestands­ge­schäft das Neuge­schäft zu generieren, also zu finan­zieren. Wer die Trans­for­mation bestehen wolle, müsse quasi zu „einer neuen Firma werden“. Hört sich allgemein an. Ist es auch. Denn jedes Unter­nehmen muss laut Schwel­linger indivi­duell beraten werden.

Wichtig, sagt er, sei das Forcieren eines funktio­nie­renden Vertriebs. „Ein heikles Thema bei Automo­bil­zu­lie­ferern“, denn bislang hätte sich zwischen Auftrag­nehmer und Auftrag­geber ein einge­fah­renes System etabliert. Im Prinzip sei es um Preis­ver­hand­lungen gegangen (bei denen der Zulie­ferer meist den Kürzeren gezogen und dennoch zähne­knir­schend zugestimmt hat). „Aber einen Vertrieb im eigent­lichen Sinne gab es nicht.“

Haben einen Trans­for­ma­ti­onstest für das Erstge­spräch mit Trans­for­ma­tions-inter­es­sierten Unter­nehmen entwi­ckelt: Joachim Effinger (links) und Ulrich Schwel­linger vom Steinbeis-Beratungs­zentrum. ©Foto:GerdLache

Ebenso von Bedeutung ist den Steinbeis-Beratern zufolge die Vernetzung der regio­nalen Zulie­ferer-Betriebe unter­ein­ander. Eine Aufgabe, die sich auch die Trans­for­ma­ti­ons­netz­werke, wie etwa TraFoNetz Nordschwarzwald, auf die Fahnen geschrieben haben. Nur im Mitein­ander sehen die Beratungs- und Unter­stüt­zungs-Akteure eine Chance, um bei dem inter­na­tio­nalen Markt­druck noch Boden halten oder gut machen zu können.

Zu einem ersten kosten­freien Kontakt­ge­spräch mit einem inter­es­sierten Unter­nehmen bringen Schwel­linger und Effinger einen eigens entwi­ckelten Trans­for­ma­ti­onstest mit. Sie schlagen aus den daraus gewon­nenen Ergeb­nissen, entstanden in einem rund zweistün­digen Gespräch, entspre­chende Maßnahmen vor.

Und dass eine Neuaus­richtung nicht ohne Pannen  über die Bühne geht und Fehler auch gemacht werden dürfen, das hob Erich Martin als dritter Referent hervor. Der Leiter Werks­ent­wicklung und Nachhal­tigkeit bei Werma Signal­technik, einem weltweit wachsenden Unter­nehmen mit mehr als 390 Mitar­bei­tenden an acht Stand­orten und Headquarter in Rietheim-Weilheim, stellte unter anderem das Modell des in seinem Unter­nehmen einge­führten Shopfloor Management vor.

Dabei geht es um die Steuerung der Ferti­gungs- und Wertschöp­fungs­pro­zesse durch aktive Anwesenheit der Führungs­kräfte am Ort des Geschehens. Zu den Prinzipien  gehört es unter anderem, im Falle von Fehlern von Schuld­zu­wei­sungen abzurücken. Das Credo beim Shopfloor Management heißt: aus Fehlern lässt sich lernen.

Bei Werma werden Martin zufolge immer wieder neue Möglich­keiten auspro­biert, die nicht alle funktio­nieren würden. Aber, sagt er: „Unsere Flop-Quote ist kleiner 10 Prozent.“

Von Gerd Lache | 15.07.2023 | veröf­fent­licht auf https://www.wirtschaftskraft.de

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